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Pubertät: Zwischen TikTok und Englischvokabeln

11. Okt.
12 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 12. Okt.

Wie Social Media das Lernen in der Pubertät beeinflusst


Social Media ist aus dem Alltag vieler Jugendlicher kaum noch wegzudenken. TikTok, Instagram und Co. bieten Unterhaltung, Kontakte, Austausch und jede Menge Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben.


Gleichzeitig haben soziale Medien einen Einfluss auf das Leben Jugendlicher, der weit über die reine Bildschirmzeit hinausgeht. Studien zeigen beispielsweise, dass sie sich negativ auf das Selbstwertgefühl, das Körperbild und die psychische Gesundheit auswirken können. Gerade die ständigen Vergleiche mit anderen und unrealistische Schönheitsideale spielen dabei eine wichtige Rolle.

Das Thema ist unglaublich vielschichtig. Im dritten Artikel über die Pubertät möchte ich mich deshalb auf einen Bereich beschränken, der mir als Lerncoach und Lerntherapeutin in meiner Arbeit besonders häufig begegnet: das Lernen. (Die ersten beiden Artikel kannst du hier und hier nachlesen.)


Nur mal ganz kurz gucken ….


Philipp sitzt an seinem Schreibtisch und hat sich vorgenommen, heute gleich mit den Hausaufgaben anzufangen. Sein Englischbuch liegt bereit, das Heft ist aufgeschlagen und eigentlich könnte es losgehen.

Vorher möchte er nur noch ganz kurz bei TikTok vorbeischauen. Wirklich nur kurz.


Philipp nimmt sein Handy, schaut sich ein Video an, dann noch eins. Das nächste ist ziemlich lustig, das danach interessiert ihn überhaupt nicht, also wischt er weiter. Zwischendurch beantwortet er eine Nachricht und landet anschließend wieder bei TikTok.

Als er irgendwann auf die Uhr schaut, ist eine Stunde vergangen, ohne dass er auch nur mit der ersten Aufgabe begonnen hätte.


In diesem Moment kommt seine Mutter ins Zimmer und schaut entsetzt auf die unangetasteten Schulsachen. „Meine Güte, du hast ja noch nicht mal angefangen! In der Zeit hättest du mit deinen Hausaufgaben längst fertig sein können.“

Das stimmt wahrscheinlich sogar, nur hilft Philipp diese Erkenntnis herzlich wenig, denn eigentlich wollte er überhaupt keine Stunde bei TikTok verbringen. Er wollte nur ganz kurz gucken.



Mit Social Media kann das Lernen nur schwer konkurrieren. Foto: Nicole Fischer
Mit Social Media kann das Lernen nur schwer konkurrieren. Foto: Nicole Fischer


Warum ist ausgerechnet dieses „ganz kurz“ so verdammt schwierig?


Dafür müssen wir noch einmal etwas tiefer ins pubertierende Gehirn schauen. Genauer gesagt in einen Bereich, der uns Menschen ganz hervorragend dazu bringen kann, Dinge immer und immer wieder zu tun: unser Belohnungssystem.

Über Dopamin haben wir in den ersten beiden Teilen dieser Reihe schon gesprochen. Häufig wird es als Glückshormon bezeichnet, was der Sache allerdings nicht wirklich gerecht wird. Dopamin sorgt nicht einfach dafür, dass wir uns großartig fühlen. Es spielt unter anderem eine wichtige Rolle dabei, was unser Gehirn interessant findet, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten und welches Verhalten wir wiederholen wollen.

Besonders gut funktioniert dieses System, wenn wir gar nicht genau wissen, wann die nächste Belohnung kommt.


Bei Philipp sieht das dann ungefähr so aus:


Er wischt.

Langweilig.

Er wischt weiter.

Auch langweilig.

Noch einmal.

Volltreffer. Genau sein Humor.

Also weiter.

Vielleicht kommt gleich noch so eins.


Genau darin liegt ein Teil der unglaublichen Anziehungskraft von Social Media. Hinter jedem Wischen wartet etwas Neues und wir wissen vorher nicht, was es sein wird. Vielleicht interessiert es uns überhaupt nicht, vielleicht bringt es uns zum Lachen, vielleicht regt es uns auf, vielleicht schreibt gerade jemand, vielleicht bekommen wir ein Like oder jemand hat auf etwas reagiert, das wir gepostet haben.

Kurz: Es könnte jederzeit etwas passieren, das unser Gehirn interessant findet.


Für ein pubertierendes Gehirn wird die Sache noch einmal reizvoller. Soziale Rückmeldungen, Anerkennung, Zugehörigkeit und die Frage, was andere gerade machen und über mich denken, haben in dieser Entwicklungsphase eine besonders große Bedeutung. Genau darüber haben wir im ersten Teil dieser Reihe schon gesprochen.

Social Media trifft also auf ein Gehirn, das für vieles von dem, was dort im Sekundentakt angeboten wird, gerade sowieso besonders empfänglich ist.


Eine Sache ist mir dabei selbst erst vor Kurzem in ihrer ganzen Tragweite bewusst geworden: Social Media ist niemals zu Ende.


Eine Serienfolge endet. Eine Zeitung ist irgendwann ausgelesen. Selbst bei einem richtig guten Buch, bei dem aus „ein Kapitel noch“ plötzlich vier geworden sind und du morgens etwas zerknittert aus der Wäsche guckst, kommt irgendwann der Moment, an dem es schlicht nichts mehr zu lesen gibt.

Bei Social Media kommt dieser Moment nicht. Vielleicht erinnerst du dich noch daran, dass man früher beim Scrollen irgendwann an einen Punkt kam, an dem die Plattform einem mitteilte: „Du bist auf dem neuesten Stand.“ Sprich: Mehr gab es gerade nicht zu sehen.

Heute kannst du weiterscrollen und weiterscrollen und weiterscrollen. Es kommt immer noch ein Video, noch ein Beitrag, noch irgendetwas Neues.

Wenn du aufhören willst, musst du dies selbst tun.

 

Und dann sind da diese zwanzig Englischvokabeln


Während TikTok Philipp immer noch etwas Neues anbieten kann, liegen auf seinem Schreibtisch zwanzig Englischvokabeln und warten darauf, gelernt zu werden.

Dieses Angebot ist, sagen wir mal, überschaubar attraktiv.

Philipp weiß ziemlich genau, was ihn erwartet. Er liest eine Vokabel, versucht sie sich zu merken, deckt sie ab, ruft sie wieder ab und macht mit der nächsten weiter. Das Ganze braucht Konzentration, kostet Anstrengung und besonders aufregend ist es auch nicht.

Die Belohnung dafür gibt es im besten Falle irgendwann später.

Vielleicht merkt Philipp morgen im Unterricht, dass er die Wörter tatsächlich noch weiß. Vielleicht schreibt er am Freitag einen guten Vokabeltest. Vielleicht hilft ihm das, was er heute lernt, irgendwann dabei, englische Texte besser zu verstehen.


Auf der einen Seite liegt also eine Aufgabe, die Anstrengung verlangt und deren Erfolg Philipp möglicherweise erst deutlich später spürt. Auf der anderen Seite liegt ein Smartphone, das ihm innerhalb weniger Sekunden etwas Neues anbieten kann, ihn zum Lachen bringt, ihn überrascht, ihm zeigt, was seine Freundinnen und Freunde gerade machen, und ihm vielleicht noch ein paar Likes beschert.

Dass die Vokabeln bei diesem Wettbewerb nicht unbedingt als Sieger vom Platz gehen, ist vermutlich keine große Überraschung.


Genau deshalb greift es auch zu kurz, wenn wir Jugendlichen in solchen Situationen einfach unterstellen, sie hätten keine Lust zu lernen oder müssten sich eben ein bisschen mehr zusammenreißen. Natürlich gehört es zum Erwachsenwerden dazu, zu lernen, unangenehme Dinge trotzdem zu erledigen und sich nicht jedem spontanen Impuls hinzugeben.

Nur hat sich die Konkurrenz um unsere Aufmerksamkeit in den letzten Jahren gewaltig verändert.


Brain Rot: Verrottet durch Social Media unser Gehirn?


Vielleicht ist dir der Begriff „Brain Rot“ schon einmal begegnet. Wörtlich übersetzt bedeutet er ungefähr „Gehirnfäule“, was sich zugegebenermaßen ziemlich dramatisch anhört. Der Ausdruck hat sich inzwischen so weit verbreitet, dass Oxford Languages ihn 2024 sogar zum Wort des Jahres gewählt hat.


Gemeint sind damit zum einen digitale Inhalte, die wenig anspruchsvoll sind und von denen wir oft erstaunliche Mengen konsumieren. Zum anderen beschreibt der Begriff ein Gefühl, das vielleicht auch du kennst:

Du wolltest eigentlich nur schnell etwas auf Instagram nachsehen und findest dich 45 Minuten später immer noch auf dem Sofa wieder. Inzwischen weißt du, wie eine völlig fremde Person ihren Kühlschrank organisiert, hast dir angesehen, wie jemand einen Teppich mit einem Hochdruckreiniger säubert, und bist über drei Videos gestolpert, in denen Menschen Dinge tun, deren Sinn sich dir beim besten Willen nicht erschließt.


Irgendwann legst du das Handy weg und fragst dich, was du da eigentlich gerade eine Dreiviertelstunde lang gemacht hast.

Natürlich verrottet unser Gehirn dabei nicht wirklich. Trotzdem steckt hinter dem Begriff ein Problem, das gerade für das Lernen erhebliche Folgen haben kann.


Wenn die Aufmerksamkeit ständig woanders ist


Unser Arbeitsgedächtnis ist so etwas wie der Arbeitsplatz unseres Gehirns. Hier halten wir Informationen kurzfristig bereit, verarbeiten sie und verknüpfen sie mit dem, was wir bereits wissen. Wenn wir eine Matheaufgabe lösen, einen komplizierten Text verstehen oder neue Vokabeln lernen, ist unser Arbeitsgedächtnis ständig im Einsatz.

Allerdings hat dieser Arbeitsplatz nur begrenzt Platz.


Stell dir vor, Philipp sitzt inzwischen tatsächlich an seinen Englischvokabeln. Er liest ein Wort, versucht es sich einzuprägen und überlegt gerade, wie er es sich am besten merken kann. Da leuchtet sein Handy auf. Eine Nachricht von einem Freund. Philipp antwortet kurz, schaut sich nebenbei noch ein Video an und wendet sich anschließend wieder seinen Vokabeln zu.

Nur ist er gedanklich längst nicht mehr dort, wo er vor der Unterbrechung war. Er muss sich erst wieder orientieren, überlegen, bei welcher Vokabel er stehen geblieben ist, und den Gedanken aufnehmen, den er gerade noch verfolgt hat.


Wenn das immer wieder passiert, wird es zunehmend schwierig, sich intensiv mit dem Lernstoff zu beschäftigen. Das Gehirn muss seine Aufmerksamkeit ständig neu ausrichten, statt sich in Ruhe auf die Informationen einzulassen, die eigentlich gelernt werden sollen. Das ist deshalb problematisch, weil Informationen zunächst aufmerksam aufgenommen und verarbeitet werden müssen, damit wir sie später zuverlässig wieder abrufen können.


Und das ist das Bittere daran: Jugendliche investieren Zeit und Energie in etwas, das ihnen ohnehin nicht immer leichtfällt. Sie beschäftigen sich mit ihren Aufgaben, versuchen, sich Dinge zu merken, und haben am Ende das Gefühl, wirklich gelernt zu haben. Tatsächlich sorgen die ständigen Unterbrechungen dafür, dass ihre Aufmerksamkeit immer wieder vom Lernstoff abgezogen wird. Informationen werden dadurch schlechter verarbeitet und können sich nicht so gut im Gedächtnis festsetzen. Die Jugendlichen haben sich angestrengt, sie haben Zeit investiert und am nächsten Tag stellen sie fest, dass erschreckend wenig davon hängen geblieben ist.


Was passiert, wenn ständig neue Reize auf uns einprasseln?


Nun geht es bei Social Media nicht nur darum, dass während des Lernens immer wieder Nachrichten auf dem Handy erscheinen. Besonders Kurzvideo-Plattformen bieten unserem Gehirn in rasender Geschwindigkeit neue Inhalte an, die innerhalb weniger Sekunden wechseln und ganz unterschiedliche Gefühle auslösen können.

Ein lustiges Video, eine aufregende Nachricht, etwas Empörendes, ein niedliches Tier, ein interessanter Mensch und gleich darauf schon wieder etwas völlig anderes. Unser Gehirn muss sich ständig auf neue Inhalte einstellen, während es gleichzeitig dazu verleitet wird, sofort zum nächsten weiterzugehen.


Forschende untersuchen inzwischen, wie sich eine sehr intensive Nutzung solcher Kurzvideos auf unsere Aufmerksamkeit und Selbstregulation auswirkt. Studien zeigen Zusammenhänge zwischen problematischer Kurzvideonutzung und Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit über längere Zeit aufrechtzuerhalten, Ablenkungen zu widerstehen oder das eigene Nutzungsverhalten zu kontrollieren.


Besonders ungünstig kann das werden, wenn Jugendliche sich anschließend einer Aufgabe zuwenden sollen, die Geduld und längere Konzentration verlangt. Während beim Scrollen ständig etwas Neues angeboten wird, müssen sie beim Lernen selbst dafür sorgen, dass sie bei einer Sache bleiben, auch wenn gerade nichts Aufregendes passiert.

Dabei ist genau diese Fähigkeit für erfolgreiches Lernen unverzichtbar. Wer einen schwierigen Text verstehen, mathematische Zusammenhänge durchdringen oder sich neue Informationen dauerhaft merken möchte, braucht Zeit, um sich intensiv damit auseinanderzusetzen.


Und diese Zeit braucht das Gehirn möglichst ohne ständige Unterbrechungen.

Nicht falsch verstehen: Selbstverständlich können Jugendliche auch heute noch konzentriert lernen. Es wird für sie allerdings unnötig schwer, wenn ein praktisch unerschöpfliches Angebot an Unterhaltung und sozialen Reizen ständig um ihre Aufmerksamkeit konkurriert.

Gerade deshalb finde ich es so unglaublich wichtig, Jugendlichen zu erklären, was bei der ständigen Berieselung passiert. Denn nur wer verstanden hat, was im Gehirn vor sich geht, kann nachvollziehen, warum es sinnvoll ist, das Handy für eine Weile ganz bewusst aus dem Spiel zu nehmen.


Was können wir also tun?


Ich bin überzeugt, dass wir an einer Stelle anfangen müssen, die bei der ganzen Diskussion über Handys und soziale Medien viel zu oft zu kurz kommt: bei der Aufklärung.

Eigentlich müsste dieses Thema spätestens in der siebten Klasse ausführlich in der Schule behandelt werden. Jugendliche müssten dort erfahren, was bei der Nutzung sozialer Medien in ihrem Gehirn passiert und welche Folgen das für ihre Aufmerksamkeit, ihre Konzentration und vor allem für das Lernen haben kann. Mit allen Zusammenhängen, die wir gerade betrachtet haben und natürlich mit möglichen Lösungen. Später könnte man das Thema noch einmal aufgreifen und vertiefen.


Stattdessen wird vielerorts darüber diskutiert, ob Handys in der Schule verboten oder eingesammelt werden sollen. Das mag für den Schulalltag durchaus sinnvoll sein, beantwortet aber eine entscheidende Frage nicht: Wissen die Jugendlichen überhaupt, warum es ihnen so schwerfällt, diese Geräte aus der Hand zu legen?

Solange diese Aufklärung in der Schule nicht stattfindet, müssen Eltern das Gespräch suchen. Nicht mit erhobenem Zeigefinger und schon gar nicht in dem Moment, in dem es gerade wieder Streit ums Handy gibt.


Vielleicht eher an einem gemütlichen Nachmittag, wenn gerade überhaupt nichts los ist. „Du, ich habe da neulich etwas total Interessantes über unser Gehirn gelesen. Wusstest du eigentlich, was beim Scrollen auf TikTok passiert? Ich fand das ziemlich erstaunlich.“

Dann kann man erzählen. Vom Belohnungssystem, von den immer neuen Reizen, vom Arbeitsgedächtnis und davon, warum ausgerechnet die Informationen, für die man sich beim Lernen so angestrengt hat, durch ständige Unterbrechungen schlechter im Gedächtnis bleiben.


Ich erlebe in meinen Coachings immer wieder, wie aufmerksam Jugendliche werden, wenn ich ihnen solche Zusammenhänge erkläre. Das Gehirn ist schließlich eine ziemlich faszinierende Angelegenheit, besonders wenn man plötzlich versteht, warum man sich selbst manchmal so verhält, wie man sich verhält.

Vielleicht entsteht dabei auch ein ganz anderer Blick auf die Situation. Schließlich kennen wir Erwachsenen das Problem doch selbst. Wer hat nicht schon einmal zum Handy gegriffen, obwohl er eigentlich etwas völlig anderes machen wollte?


Wenn Eltern dann sagen können, dass sie inzwischen viel besser verstehen, warum das Weglegen so schwierig ist, verändert das die Ausgangslage für ein Gespräch. Jetzt geht es nicht mehr darum, wer recht hat oder wer sich endlich zusammenreißen muss. Jetzt kann man gemeinsam überlegen, wie sich das Lernen vor diesen ständigen Ablenkungen schützen lässt.


Lernzeit ist Lernzeit


Dabei muss überhaupt nicht die gesamte Handynutzung zur Diskussion stehen. Ein Jugendlicher kann durchaus selbst entscheiden, wie er seine Freizeit gestaltet. Für die Lernzeit lässt sich trotzdem eine klare Vereinbarung treffen: Solange gelernt wird, hat das Smartphone Pause.

Vielleicht liegt es währenddessen im Wohnzimmer, vielleicht nehmen die Eltern es für eine vereinbarte Zeit an sich. Der Flugmodus kann ebenfalls helfen, solange auch das WLAN ausgeschaltet ist. Wobei ein Handy auf dem Schreibtisch natürlich selbst dann noch ziemlich verführerisch aussieht.


Ein Handytresor? Ja, wirklich!


Ich habe selbst so ein Ding und möchte es inzwischen nicht mehr missen.

Wenn ich morgens an meinem Schreibtisch sitze und arbeite, lenkt mich mein Handy nämlich teilweise ganz schön ab. Mal eben etwas nachsehen, kurz eine Nachricht lesen, du kennst das vermutlich.

Also kommt mein Smartphone in den Tresor. Ich stelle ein, wie lange ich ungestört arbeiten möchte, schließe den Deckel und höre eine kleines "klick". Fertig.

Ob das nun 30, 60 oder 90 Minuten sind, spielt keine Rolle. Bis die Zeit abgelaufen ist, bleibt das Ding zu. Da kann ich noch so neugierig sein.

Das Erstaunliche ist, wie entspannend ich das finde. Sobald ich weiß, dass ich ohnehin nicht an mein Handy komme, denke ich auch kaum noch daran. Ich muss mich nicht ständig selbst ermahnen, es liegen zu lassen. Irgendwann macht es wieder klick und ich kann es herausholen.



Das Smartphone ist gut verwahrt im Handy-Tresor  Foto: Nicole Fischer
Das Smartphone ist gut verwahrt im Handy-Tresor Foto: Nicole Fischer


Vielen meiner Schülerinnen und Schüler habe ich solch einen Tresor inzwischen ebenfalls empfohlen. Die Rückmeldungen sind ausgesprochen positiv. Sie erzählen mir, dass sie viel konzentrierter lernen können, wenn das Handy für eine Weile wirklich unerreichbar ist.

Eine Familie hat die Idee sogar auf den gesamten Alltag ausgeweitet. Dort besitzt mittlerweile jedes Familienmitglied einen eigenen Handytresor. Die Eltern nutzen ihre Tresore bei der Arbeit, die Kinder beim Lernen. Zu bestimmten Familienzeiten werden dann einfach alle Handys eingeschlossen. Niemand muss ständig daran denken, das eigene Smartphone wegzulegen, und niemand sitzt daneben und kontrolliert, ob die anderen sich auch an die Vereinbarung halten.


Probier es doch einfach mal aus!


Natürlich funktioniert das Ganze auch ohne Tresor. Ein anderes Zimmer reicht schließlich völlig aus, wenn man das Handy dort liegen lassen kann.

Vielleicht wäre es sogar spannend, die Jugendlichen erst einmal selbst ausprobieren zu lassen, welchen Unterschied das macht. An einem Tag lernen sie mit dem Handy neben sich, an einem anderen Tag bleibt es draußen. Wie oft waren sie abgelenkt? Wie leicht konnten sie bei ihren Aufgaben bleiben? Wie viel wissen sie anschließend noch von dem, was sie gelernt haben?


Und jetzt wird es vielleicht ein bisschen ungemütlich …


Wie sieht es denn eigentlich mit deiner eigenen Handynutzung aus? Wie oft hast du dein Smartphone in der Hand, ohne dass es dafür einen wirklichen Grund gibt? Wie häufig schaust du nur mal eben nach einer Nachricht und bleibst dann doch länger hängen als geplant?

Mal ganz ehrlich: Wie überzeugend ist die Bitte, das Handy öfter mal wegzulegen, wenn wir selbst bei jeder Gelegenheit danach greifen?


Die Mechanismen, die soziale Medien so verlockend machen, funktionieren schließlich auch bei uns Erwachsenen. Und auch unsere Konzentration leidet, wenn wir uns ständig von neuen Nachrichten, Videos und anderen digitalen Reizen ablenken lassen.

Vielleicht wäre es deshalb gar keine schlechte Idee, nicht nur über die Handynutzung unserer Kinder nachzudenken, sondern auch über unsere eigene.


Kinder und Jugendliche lernen nicht nur durch das, was wir ihnen erklären, sondern auch durch das, was sie bei uns beobachten. Das gilt natürlich auch in der Pubertät. Wenn wir selbst das Smartphone beim gemeinsamen Essen beiseitelegen, während eines Gesprächs nicht ständig auf eingehende Nachrichten schielen und auch mal einen Nachmittag verbringen, ohne dauernd aufs Display zu schauen, dann leben wir genau das vor, was wir uns von unseren Jugendlichen wünschen.


Vielleicht ist das ja sogar eine schöne Gelegenheit, gemeinsam herauszufinden, wie viel Platz das Smartphone eigentlich in unserem Alltag haben soll.


Eine einfache Lösung? Schön wär’s!


Wie wir mit sozialen Medien umgehen sollten, gerade wenn es um Kinder und Jugendliche geht, ist eine ziemlich schwierige Frage. Darüber diskutieren Pädagoginnen und Pädagogen, Psychologinnen und Psychologen, Forschende und natürlich Eltern. Die Meinungen gehen teilweise weit auseinander, und auch die Wissenschaft hat längst noch nicht auf alles eine Antwort. Gerade darüber, welche langfristigen Folgen eine intensive Nutzung sozialer Medien für die Entwicklung des Gehirns haben kann, wissen wir noch zu wenig.

Den einen richtigen Weg, der für alle Familien und alle Jugendlichen funktioniert, gibt es deshalb leider nicht. Dafür sind die Menschen, ihre Gewohnheiten und ihre Lebensumstände viel zu unterschiedlich.


Vielleicht müssen wir aber auch gar nicht gleich die perfekte Lösung finden. Manchmal reicht es schon, an ein paar kleinen Stellschrauben zu drehen, um etwas zu verändern: Das Handy während der Hausaufgaben in ein anderes Zimmer legen, beim gemeinsamen Essen einfach mal nicht erreichbar sein oder selbst ausprobieren, wie viel leichter das Lernen ohne ständige Ablenkung fällt.



Damit sind wir am Ende unserer kleinen Reise durch das pubertierende Gehirn angekommen. Ich hoffe, du hattest beim Lesen genauso viele Aha-Momente wie ich beim Recherchieren und Schreiben.


Gibt es ein Thema rund ums Lernen, über das du hier gerne mehr lesen würdest? Dann schreib mir doch einfach in die Kommentare. Ich freue mich über deine Anregungen!


Schön, dass du dabei warst!

 

 
 
 

Kommentare


Lernovia - Nicole Fischer, Lerncoaching · Lerntherapie, Arnimstr. 24 a, 23566 Lübeck, 

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