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Pubertät: So viel mehr als Hormone und schlechte Laune

31. Aug.
8 Min. Lesezeit

In meinen Elternberatungen geht es in letzter Zeit oft um die Pubertät. Eltern erzählen mir von Situationen, in denen sie ihr eigenes Kind kaum wiederzuerkennen glauben, fragen sich, warum Dinge plötzlich nicht mehr funktionieren, die vorher selbstverständlich waren, und natürlich geht es auch immer wieder ums Lernen. Was ist da eigentlich gerade los? Was braucht mein Kind jetzt von mir? Und wie kann ich es unterstützen, ohne dass wir uns ständig in die Haare bekommen?


Ich merke in diesen Gesprächen immer wieder, wie viel sich verändert, wenn Eltern verstehen, was während der Pubertät eigentlich passiert. Und weil dieses Thema viel zu groß für einen einzigen Artikel ist, möchte ich ihm eine kleine Reihe widmen.


Im ersten Teil geht es erst einmal um die Pubertät selbst: um das Gehirn, den Körper, den Schlaf, die Gefühlswelt und die Beziehungen zu anderen Menschen. Im zweiten Teil geht es dann ganz konkret ums Lernen in der Pubertät. Und im dritten Teil geht es um ein Thema, das mir besonders wichtig ist: welche Auswirkungen soziale Medien auf das Gehirn von Jugendlichen haben können, während es sich noch mitten in seiner Entwicklung befindet.


Fangen wir also erst einmal ganz vorne an: Was passiert eigentlich, wenn ein Kind in die Pubertät kommt? Pubertät bedeutet nicht nur, dass der Körper geschlechtsreif wird und sich der Hormonhaushalt grundlegend verändert. Gleichzeitig findet im Gehirn ein gewaltiger Umbau statt: Der Schlaf verändert sich, Gefühle und soziale Beziehungen bekommen eine andere Bedeutung, die Ablösung von den Eltern beginnt und irgendwo mitten in diesem Durcheinander soll ein junger Mensch auch noch herausfinden, wer er eigentlich ist und wer er einmal sein möchte. Uff.


Wann die Pubertät beginnt und wie lange sie dauert, ist dabei von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Erste körperliche Veränderungen können schon im Grundschulalter einsetzen, während manche Entwicklungsprozesse im Gehirn noch bis ins junge Erwachsenenalter hinein weitergehen.

Und wenn wir uns das, was da passiert, genauer anschauen, werden einige der merkwürdigsten Begleiterscheinungen der Pubertät plötzlich ziemlich nachvollziehbar.



Im Gehirn passiert während der Pubertät unglaublich viel.      Bild: Canva
Im Gehirn passiert während der Pubertät unglaublich viel. Bild: Canva

Im Gehirn wird gerade ziemlich gründlich umgebaut


Während wir von außen vor allem Verhaltensänderungen beobachten, bei denen wir uns gelegentlich nur noch fragen: „Bitte wie?“, passiert im Gehirn etwas ziemlich Erstaunliches. Denn das Gehirn eines Jugendlichen ist keineswegs schon fertig und muss jetzt nur noch "ein bisschen wachsen". Im Gegenteil. In der Pubertät beginnt noch einmal eine gewaltige Umbauphase, die viele Jahre dauern wird. Manche Bereiche des Gehirns entwickeln sich sogar bis weit in die Zwanziger hinein.


Das Gehirn hat während der Kindheit unglaublich viele Verbindungen zwischen seinen Nervenzellen hergestellt. Vereinfacht gesagt hat es erst einmal ziemlich großzügig gebaut. Jetzt wird geprüft, was davon tatsächlich gebraucht wird. Verbindungen, die häufig genutzt werden, werden verstärkt und immer effizienter, andere werden zurückgebaut. Gleichzeitig werden die Leitungswege im Gehirn schneller und leistungsfähiger. Aus dem kindlichen Gehirn entsteht nach und nach ein hoch spezialisiertes Erwachsenengehirn.


Das Faszinierende (und manchmal auch Frustierende) daran ist allerdings die Reihenfolge.

Denn die verschiedenen Bereiche des Gehirns entwickeln sich nicht alle gleichzeitig und auch nicht gleich schnell. Und ausgerechnet der Bereich, von dem wir Eltern uns in diesen Jahren gelegentlich etwas mehr Unterstützung wünschen würden, lässt sich besonders viel Zeit: der präfrontale Kortex.


Der liegt direkt hinter der Stirn und ist unter anderem dafür zuständig, dass wir planen, Entscheidungen abwägen, Konsequenzen berücksichtigen und unsere Impulse kontrollieren können. Wenn ich also den starken Wunsch verspüre, meinem Gegenüber jetzt sofort zu sagen, was ich von ihm halte, und mein Gehirn freundlicherweise einwirft: „Nicole, vielleicht denkst du darüber noch einmal drei Sekunden nach“, dann hat unter anderem mein präfrontaler Kortex gerade ziemlich gute Arbeit geleistet.


Bei Jugendlichen befindet sich genau dieses System noch mitten in seiner Entwicklung.

Ein Jugendlicher kann sehr genau wissen, dass eine Idee vollkommen bescheuert ist. Er kann dir wahrscheinlich sogar ziemlich überzeugend erklären, warum sie bescheuert ist. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass ihm dieses Wissen genau in dem Moment zur Verfügung steht, in dem er es bräuchte. Vor allem dann nicht, wenn er aufgeregt ist, wütend, gestresst oder seine Freunde danebenstehen.


Das ist einer der Gründe, warum Eltern in der Pubertät gelegentlich vor Entscheidungen ihres Kindes stehen und denken: Du bist doch eigentlich ein vernünftiger Mensch. Was um Himmels willen war denn das?


Das Belohnungssystem dreht ordentlich auf


Während der Teil des Gehirns, der bremst, abwägt und vorausplant, noch eine ganze Weile mit seiner Entwicklung beschäftigt ist, reagiert ein anderes System in dieser Zeit besonders stark: das Belohnungssystem.


Jugendliche reagieren besonders auf Dinge, die neu und aufregend sind, Spaß machen oder soziale Anerkennung versprechen. Dabei spielt Dopamin eine wichtige Rolle. Dopamin ist übrigens nicht einfach das berühmte „Glückshormon“, als das es gern bezeichnet wird. Viel interessanter ist seine Rolle bei Motivation und Belohnung: Es hilft unserem Gehirn unter anderem dabei, zu entscheiden, was gerade wichtig ist, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten und wofür es sich lohnt, aktiv zu werden.

Und genau diese Gewichtung verändert sich während der Pubertät.


Aufregung, neue Erfahrungen und unmittelbare Belohnungen können besonders attraktiv sein. Gleichzeitig bekommt die soziale Belohnung eine enorme Bedeutung. Ein Lachen der Freunde, Anerkennung in der Gruppe oder das Gefühl, dazuzugehören, kann für einen Jugendlichen in diesem Moment unheimlich wichtig sein.

Und jetzt treffen zwei Entwicklungen aufeinander: Das Belohnungssystem reagiert besonders stark auf genau solche Reize, während die Systeme, die bremsen, abwägen und langfristige Folgen berücksichtigen, noch mitten in ihrer Entwicklung stecken.

Das kann Entscheidungen beeinflussen, vor allem dann, wenn andere Jugendliche dabei sind.


Ein Jugendlicher muss das Risiko einer Handlung dabei gar nicht übersehen. Er kann durchaus wissen, dass etwas gefährlich, verboten oder einfach ziemlich dämlich ist. Nur steht diesem Risiko in diesem Moment etwas gegenüber, das sein Gehirn ebenfalls sehr hoch bewertet: Aufregung, Spaß und möglicherweise die Anerkennung der anderen.

Deshalb kann eine Entscheidung in der Gruppe anders ausfallen als dieselbe Entscheidung allein.


Warum die anderen plötzlich so unglaublich wichtig sind


Und damit sind wir bei einem weiteren großen Thema dieser Jahre: der Welt außerhalb der Familie.

Die Meinung von Freunden und Gleichaltrigen bekommt während der Pubertät eine Bedeutung, die Eltern manchmal schwer nachvollziehen können. Ein beiläufiger Kommentar kann einen ganzen Nachmittag ruinieren, eine Nachricht kann plötzlich unglaublich wichtig sein und die Frage, ob man irgendwo dazugehört oder nicht, kann einen Jugendlichen erheblich mehr beschäftigen als die Mathearbeit am nächsten Morgen.


Dahinter steckt eine wichtige Entwicklungsaufgabe.

Kinder wachsen zunächst in einem sozialen Gefüge auf, das vor allem durch ihre Familie geprägt wird. Jugendliche beginnen zunehmend, ihren eigenen Platz außerhalb dieses Gefüges zu suchen. Sie müssen lernen, Beziehungen selbstständig zu gestalten, sich in Gruppen zurechtzufinden, Zugehörigkeit herzustellen und gleichzeitig herauszufinden, wo sie sich abgrenzen wollen.

Und irgendwann tauchen dabei ziemlich große Fragen auf.

Wer bin ich eigentlich? Wie sehen andere mich? Wo gehöre ich hin? Was ist mir wichtig?

Welche Werte meiner Eltern teile ich und welche vielleicht überhaupt nicht?

Was möchte ich einmal für ein Mensch sein?


Identität entsteht nicht über Nacht. Jugendliche probieren aus, verändern sich, grenzen sich ab, nähern sich wieder an, übernehmen etwas von anderen und verwerfen es vielleicht drei Wochen später wieder.

Das kann von außen ziemlich, sagen wir mal: wechselhaft wirken. Es ist allerdings ein notwendiger Prozess, um irgendwann tatsächlich sagen zu können: Das bin ich.


Und ausgerechnet von dir beginnt dein Kind sich jetzt zu lösen


Für Eltern hat diese Entwicklung einen ziemlich bedeutsamen Nebeneffekt.

Du hast jahrelang Bindung aufgebaut, getröstet, begleitet, Entscheidungen getroffen, Sicherheit gegeben und warst für dein Kind eine der wichtigsten Personen überhaupt.

Und wenn du deinen Job gut gemacht hast, beginnt dein Kind jetzt irgendwann, sich von dir zu lösen. Herzlichen Glückwunsch!


Natürlich verschwindet die Bindung nicht. Jugendliche brauchen ihre Eltern weiterhin, und eine sichere Beziehung bleibt enorm wichtig. Aber sie brauchen sie anders.

Sie wollen mehr Privatsphäre und mehr eigene Entscheidungen. Sie wollen Dinge ausprobieren, ohne vorher einen elterlichen Vortrag über sämtliche denkbaren Konsequenzen zu hören. Und sie wollen herausfinden, welche Ansichten tatsächlich ihre eigenen sind.


Dazu gehört zwangsläufig, dass die Ansichten der Eltern überprüft werden.

Das kann zu einer ziemlich merkwürdigen Mischung führen. Ein Jugendlicher kann deine Einmischung vehement zurückweisen und zwei Stunden später dringend deinen Rat brauchen. Er kann deutlich machen, dass dich eine bestimmte Sache überhaupt nichts angeht, und am selben Abend plötzlich anfangen, dir davon zu erzählen.

Selbstständig werden und die Sicherheit der Eltern noch brauchen gehören zum Glück eine ganze Weile gleichzeitig zum Erwachsenwerden.


Der eigene Körper mischt ebenfalls kräftig mit


Während im Gehirn umgebaut und an der eigenen Identität gearbeitet wird, verändert sich auch noch der Körper. Und das teilweise in einem Tempo, bei dem man durchaus ein bisschen Zeit brauchen darf, um hinterherzukommen.

Größe und Körperproportionen verschieben sich, Geschlechtsmerkmale entwickeln sich, Haut und Haare werden anders, die Stimme verändert sich und der eigene Körper bekommt plötzlich eine ganz neue Bedeutung. Das allein wäre schon heftig genug.

Nur passiert es ausgerechnet in einer Zeit, in der Jugendliche besonders sensibel dafür werden, wie andere sie sehen.


Es beschäftigt sie plötzlich viel stärker, wie sie aussehen, wie attraktiv sie sich fühlen und warum sich ihr Körper vielleicht früher oder später entwickelt als der ihrer Freunde.

Der eigene Körper wird nicht mehr einfach nur bewohnt, sondern beobachtet, verglichen und bewertet.


Und während frühere Generationen dafür hauptsächlich ihre unmittelbare Umgebung zur Verfügung hatten, tragen Jugendliche heute einen praktisch unerschöpflichen Vergleichsraum in der Hosentasche. Soziale Medien treffen in einer ausgesprochen empfindlichen Entwicklungsphase auf ein Gehirn, das besonders stark auf soziale Rückmeldungen und Belohnungen reagiert.

Das ist jedoch ein riesiges Thema für sich und würde diesen Artikel sprengen. Deshalb bekommt es (ganz bald) einen eigenen.


Wenn die innere Uhr plötzlich anders tickt


Und dann wäre da noch der Schlaf.

Du kennst es vermutlich: Abends um elf ist dein Teenager noch kein bisschen müde und morgens um sieben bekommt er kaum die Augen auf. Ich weiß aus Erfahrung, dass das morgens ganz schön an den Nerven zehren kann, doch für seinen verschobenen Schlafrhythmus kann dein Kind tatsächlich nichts.


Denn mit Beginn der Pubertät verschiebt sich die innere Uhr.

Unter anderem verändert sich der Zeitpunkt, zu dem Melatonin ausgeschüttet wird. Jugendliche werden abends später müde und würden daher morgens eigentlich entsprechend später aufwachen. Ihr natürlicher Schlafrhythmus wandert also nach hinten.

Das wäre zunächst gar kein großes Problem, wenn die Welt morgens ebenfalls zwei Stunden später anfangen würde. Tut sie aber leider nicht.


Die Schule beginnt weiterhin früh, also klingelt der Wecker zu einer Zeit, zu der der Körper eigentlich noch schlafen möchte. Und wer biologisch erst später müde wird, kann dieses Problem nicht einfach dadurch lösen, dass er um 21 Uhr ins Bett geschickt wird.

Viele Jugendliche sammeln deshalb unter der Woche Schlafdefizite an. Am Wochenende schlafen sie länger und gehen häufig auch später ins Bett, wodurch sich ihr Rhythmus noch weiter verschiebt.


Dieses Auseinanderklaffen zwischen der inneren biologischen Uhr und den gesellschaftlich vorgegebenen Zeiten nennt man Social Jetlag.

Der Begriff passt ziemlich gut. Der Körper muss sich ständig zwischen zwei Zeitplänen bewegen, die nicht wirklich zueinander passen.

Und Schlafmangel bleibt nicht ohne Folgen: Aufmerksamkeit, Konzentration, Gedächtnis, Stimmung und emotionale Regulation hängen alle auch davon ab, wie ausgeschlafen ein Gehirn ist.


Ganz schön viel Gefühl


Zu all diesen Veränderungen kommt eine emotionale Welt, die ebenfalls ordentlich in Bewegung ist.

Jugendliche können Gefühle sehr intensiv erleben. Gleichzeitig entwickeln sich die Systeme, die an der Regulation dieser Gefühle beteiligt sind, noch weiter. Wenn dann körperliche Veränderungen, Unsicherheit, Konflikte, schulischer Druck und die enorme Bedeutung sozialer Beziehungen zusammenkommen, kann aus etwas, das von außen klein aussieht, innen ziemlich schnell etwas sehr Großes werden.


Das ist für Erwachsene nicht immer leicht nachzuvollziehen.

Wenn eine Freundschaft gerade wackelt, jemand in der Klassengruppe etwas Verletzendes geschrieben hat oder ein Jugendlicher das Gefühl hat, nicht dazuzugehören, hilft es wenig, dass ein Erwachsener die Angelegenheit objektiv für nicht besonders dramatisch hält,

denn in diesem Moment fühlt es sich für dein Kind möglicherweise riesig an.


Pubertät ist verdammt anstrengend


Schon jede einzelne dieser Veränderungen hat es in sich.

Aber Jugendliche erleben sie nicht einzeln, sie passieren alle gleichzeitig.

Und der Alltag macht währenddessen keine Pause.

Schule läuft weiter. Leistungen werden erwartet. Prüfungen werden geschrieben. Entscheidungen über die Zukunft rücken näher. Freundschaften müssen gepflegt, Konflikte ausgehalten und Enttäuschungen verarbeitet werden.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich es schrecklich finde, wenn Pubertät ins Lächerliche gezogen wird.


Natürlich können Jugendliche unglaublich anstrengend sein. Und selbstverständlich darf man über die absurden Situationen lachen, die Familien in dieser Zeit erleben.

Aber mir ist wichtig, dass wir dabei nicht vergessen, wer hier eigentlich gerade die Hauptarbeit leistet. Pubertät ist keine Veranstaltung, die Jugendliche organisieren, um ihre Eltern ein paar Jahre lang in den Wahnsinn zu treiben. Es ist vielmehr eine der größten Entwicklungsphasen ihres Lebens.


Und jetzt soll dieses Gehirn auch noch lernen


Damit kommen wir zu einem Punkt, den ich in diesem Artikel ganz bewusst nur kurz anreißen möchte.

Denn Schule verlangt Jugendlichen ausgerechnet in diesem Umbruch immer mehr Selbstständigkeit ab: Sie sollen sich organisieren, ihre Zeit einteilen, langfristig planen, Prioritäten setzen und sich möglichst nicht ablenken lassen. Dass das unter diesen Voraussetzungen manchmal einfach nicht funktioniert, ist eigentlich kein Wunder.


Wie sich die Pubertät ganz konkret auf Lernen, Motivation und Selbstorganisation auswirken kann und vor allem, was Jugendlichen in dieser Zeit wirklich hilft, darum geht es im zweiten Teil dieser kleinen Reihe, der in der kommenden Woche erscheint.

 
 
 

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