Was für ein (Schul-)Jahr!
- Nicole Fischer

- vor 4 Tagen
- 13 Min. Lesezeit
Es ist Juli im Jahr 2026. Ich habe mich für einen Tag und eine Nacht in einem sündhaft teuren Hotel in meiner Heimatstadt eingemietet, und nun sitze ich hier in meinem gemütlichen Zimmer und lasse den Blick über die roten Dächer Lübecks schweifen. Nicht einmal der Regen stört mich heute, im Gegenteil. Ich kann mich nicht sattsehen an den Wolkenbergen, die sich über den altehrwürdigen Gebäuden auftürmen. Irgendwo spielt jemand Klavier, die Töne trudeln im Wind wie Herbstlaub. Und ganz langsam tröpfelt eine Erkenntnis in mein Hirn: Es sind Ferien! Ich darf ausatmen.

Als Lerntherapeutin und Lerncoach rechne ich in Schuljahren – und das letzte Schuljahr war wirklich … wow! (Übrigens: Gedankenstriche habe ich schon vor deren inflationären Gebrauch durch KI sehr gern genutzt. Dieser Text entsteht ausschließlich durch die Arbeit meines Hirns und meiner Finger, versprochen.)
Ich dachte, ich schreibe einmal auf, was da so alles los war in den letzten Monaten, für mich selbst, weil vieles viel zu schnell in Vergessenheit gerät. Wenn es dann noch jemand anderen interessieren sollte: Prima! Schnappe dir einen Kaffee oder Tee oder was auch immer du magst, und mache es dir mit mir in meinen Erinnerungen gemütlich.
Ein holpriger Beginn
Der Beginn des Schuljahres war noch stark geprägt durch ein Ereignis, das mich zwei Monate zuvor komplett überrollt hatte: Eine Gesichtsgürtelrose mit Augenbeteiligung hatte mich ausgeknockt. Ich musste ins Krankenhaus, es bestand die Gefahr, dass ich auf dem rechten Auge erblinde. Ich erhielt eine Woche lang dreimal täglich Infusionen, musste sechs verschiedene Augentropfen und -salben über den Tag verteilt nehmen, alle meine Werte spielten total verrückt, kurz: Das war das absolute Gegenteil von lustig.

Die schlimmsten Symptome waren im August zwar wieder abgeklungen, allerdings wollte die tiefe Erschöpfung, die seit dem Beginn der Gürtelrose meine stete Begleiterin war, mich noch nicht wieder allein lassen. Und noch etwas hallte nach: Die Ärzte gaben mir eindringlich zu verstehen, dass eine Gürtelrose dieser Ausprägung in meinem Alter nur auf eines zurückzuführen sei: viel zu viel Stress. Ich müsse mein Leben überdenken, sonst könne man für nichts garantieren. Ich muss gestehen: Das saß!
Und es führte dazu, dass ich eine der schwersten Entscheidungen meines bisherigen Berufslebens treffen musste. Im Herbst sollte ein Herzensprojekt von mir starten: Auf der Grundlage des von Farida Tlili entwickelten Ausbildungskonzepts sollte ich erstmals eigenständig eine Lerncoach-Ausbildung in Lübeck durchführen. Das war genau das, was ich tun wollte, und ich freute mich so sehr darauf. Dieses Projekt abzusagen, war eine reine Vernunftentscheidung und sie brach mir das Herz. Rückblickend weiß ich, dass dies zu diesem Zeitpunkt die einzig richtige Entscheidung war, doch damals war ich am Boden zerstört.
Viel mehr als ein normaler Alltag
Nach diesem holprigen Start kehrte wieder so etwas wie Alltag ein. Wobei Alltag wahrscheinlich das falsche Wort ist. Denn in einer lerntherapeutischen Praxis gleicht kaum ein Tag dem anderen. Jeder Schüler bringt seine eigene Geschichte mit, jede Familie ihre eigenen Probleme. Und auch wenn das jetzt reichlich pathetisch klingt: Ich merkte schnell, dass meine Schüler mir dabei halfen, wieder gesund zu werden. Sie ließen mich an ihrem Leben teilhaben, brachten mich zum Lachen und Nachdenken und sorgten dafür, dass sich nicht alles um Krankheit und Erschöpfung drehte. Sie tankten mich auf, besser kann ich es nicht beschreiben.

Irgendwie dachte ich ja, dass in meinem eigentlichen beruflichen Alltag im letzten Jahr gar nicht so viel passiert ist. Ja, es stimmt: Es ist nichts passiert, bei dem man die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, vor lauter Erstaunen die Augen aufreißt und einem die Worte im Hals steckenbleiben. Und doch war da ganz viel Großes im Kleinen:
Da war die 16-jährige Schülerin, die so entsetzliche Prüfungsangst hatte, dass ihr vor Klassenarbeiten regelrecht schlecht wurde. Im Lerncoaching erarbeiteten wir Strategien, mit deren Hilfe es ihr jetzt gelingt, die Prüfungsangst unter Kontrolle zu halten. Ich bekam folgende WhatsApp-Nachricht von ihr:

Da war der Drittklässler, mega intelligent, aber extrem auffällig in der Schule, sehr aggressiv, kaum beschulbar. Ein Kind, für das unser schwerfälliges und unflexibles Schulsystem einfach nicht gemacht ist. Trotz seiner vielen negativen Erfahrungen hat er Vertrauen zu mir aufgebaut, wir führen wunderbare Gespräche und ich sehe in jeder Stunde, was für ein kluger, feinfühliger Junge er ist. Als er mir Schach beibrachte und ich mich büschen trottelig anstellte, meinte er: "Ach komm, Nicole, das ist doch nicht so schlimm, du machst das doch zum ersten Mal!" Ich wünschte, das Schulsystem hätte nur halb so viel Nachsehen mit ihm wie er mit mir.

Da war die Lehrerin, die mich anrief: "Ich möchte mit der Klasse jetzt eine Lektüre lesen. Ich wollte fragen, ob Sie mir einen Tipp geben können, wie ich das für unseren gemeinsamen Schüler so gestalten kann, dass er möglichst viele Erfolgserlebnisse hat."
Oder die andere Lehrerin, die in ihrer Freizeit zu mir kommt, damit ich ihr beibringe, wie man eine LRS erkennt und was sie als Lehrerin tun kann, um den betroffenen Kindern so gut wie möglich zu helfen, da sie das im Studium nicht gelernt hat (… und aaaaatmen! Es fällt mir gerade so unglaublich schwer, keine endlose Schimpftirade auf dieses System loszulassen. Gleich geht's wieder!)
Da war der Schüler, der in der siebten Klasse zu mir kam mit der Prognose, niemals einen ESA (der erste Schulabschluss hier in Schleswig-Holstein) zu schaffen und der jetzt während seiner Ausbildung seine Fachhochschulreife macht, nachdem er die anderen Schulabschlüsse mit Bravour bestanden hat. Er ist schon zwei Jahre nicht mehr bei mir, doch er schreibt mir immer noch hin und wieder und berichtet, wie es ihm geht – und jedes Mal schmelze ich dahin!
Da war allerdings auch die Grundschullehrerin, mit der ich mich regelmäßig austauschte, die nicht nur den leistungsorientierten Blick auf ihre Schüler hat, sondern sie als das sieht, was sie sind: Noch sehr junge Kinder, alle verschieden, alle neugierig und wunderbar. Und die immer bemüht ist, ihnen zu vermitteln, dass es in Ordnung ist, Fehler zu machen, die ihnen Angst nimmt, für die die Beziehung zu ihren Schülern oberste Priorität hat. Die sich jetzt an eine andere Schule versetzen ließ, weil die Kolleginnen an der kleinen Schule, an der sie war, diese ganzen "neuen Methoden" so richtig schrecklich fanden und sie über Jahre keinerlei Rückhalt bekam. Jetzt ist sie kurz vorm Burnout und sieht keine andere Möglichkeit, als zu gehen.
Und das ist das, was mich oft fertig macht: Wir haben so viele großartige, engagierte Menschen an unseren Schulen, denen es wichtig ist, Kinder zu unterstützen, für sie da zu sein, das Beste aus ihnen herauszuholen. Aber in unserem überalterten Schulsystem haben sie eigentlich kaum eine Chance.
Wir haben an unseren Schulen Kinder und Jugendliche, die unglaublich toll sind, aber vielleicht nicht in eine Schublade passen. Den Eltern dieser Kinder wird oft schon in der Grundschule nahegelegt, sich eine Diagnose für das Kind zu holen, damit es damit dann irgendwie "eingeordnet" werden kann. Nicht das System fragt, was es verbessern kann, damit auch der Erstklässler mit seinen kreativen Ideen, die für ihn tausendmal spannender sind, als das Lesen und Schreiben zu lernen, Spaß am Lernen findet. Nein, er hat bestimmt ADHS oder eine LRS oder eine Dyskalkulie. Oder alles zusammen. Der Vorteil für das System: Der Fehler liegt beim Kind, nun kann versucht werden, das Kind so hinzubiegen, dass es doch in eine Schublade passt. Das ist manchmal kaum auszuhalten. Es gibt Tage, da sitze ich abends an meinem Schreibtisch und frage mich ernsthaft, warum ich mir das eigentlich antue. Da würde ich am liebsten alles hinschmeißen, einen kleinen Kiosk eröffnen, Zeitschriften verkaufen und mich nur noch über die Lieferzeiten des neuen Kreuzworträtselhefts aufregen müssen.
Das Einzige, was mich dann noch bei der Stange hält, sind meine Schüler. Man muss sich das einmal vorstellen: Sie kommen einmal in der Woche zu mir, manchmal über Jahre, und erlauben mir, mit ihnen an etwas zu arbeiten, von dem sie – zu Recht – ziemlich genervt sind. Trotzdem haben sie meist gute Laune, lassen mich in ihr Leben und teilen mit mir schöne und schlimme Momente. Und ich habe die Möglichkeit, ihnen wirklich zu helfen, vielleicht sogar die eine oder andere Weiche in eine bessere Richtung zu stellen. Ich kann mir kaum etwas Schöneres vorstellen.

Wie bitte? Der SPIEGEL?
Ende 2025 bereitete ich gerade meine Stunden vor, als eine WhatsApp-Nachricht aufblinkte: "Liebe Frau Fischer, ich bin Bildungsjournalistin beim SPIEGEL und beschäftige mich gerade mit Rechtschreibschwächen von Kindern. In dem Zusammenhang bin ich auf Ihre Arbeit als Lerntherapeutin aufmerksam geworden. Ich würde mich freuen, wenn wir in den nächsten Tagen mal telefonieren könnten. Wann passt es Ihnen? Viele Grüße Silke Fokken."
Mein erster Gedanke: Ganz klar Spam. Aber ähm, das wäre schon ganz schön merkwürdiger Spam. Und mit welchem Ziel? Nur langsam zog ich die Möglichkeit in Betracht, dass die Nachricht echt sein könnte. Was dann folgte, hatte ich so ganz sicher nicht auf meiner Bingo-Karte für dieses Schuljahr.
Wir telefonierten und Frau Fokken zeigte sich ernsthaft interessiert am Thema Rechtschreibschwäche, was diese mit den Kindern macht und wie die Schulen damit umgehen. Sie war über eines meiner YouTube-Videos auf mich aufmerksam geworden. Zwei Wochen später kam sie zum Hospitieren. Einer meiner Schüler hatte sich bereit erklärt, sie während unserer Stunde zuschauen zu lassen und danach noch ein bisschen von sich zu erzählen. Als er ging, kam seine Mutter dazu und wir sprachen zu dritt fast zwei Stunden lang über das Schulsystem, über den Rechtschreibunterricht, über die Auswirkungen einer Lese-Rechtschreib-Schwäche auf die betroffenen Kinder und darüber, wie schwer es vielen Familien gemacht wird, die notwendige Unterstützung zu bekommen.
Vor diesem Termin war ich unfassbar aufgeregt (es ist ein Wunder, dass sich keine Rillen an den Stellen im Fußboden gebildet haben, an denen ich gefühlt stundenlang von Fenster zu Fenster getigert bin, als ich auf Frau Fokken wartete). Nach dem Termin hingegen war ich regelrecht beflügelt. Frau Fokken war super sympathisch und aufrichtig interessiert und ich konnte einmal alles loswerden, was mich an unserem Schulsystem so fertig macht, was sich dringend ändern sollte. Und ich durfte erzählen, wie ich als Lerntherapeutin arbeite, was diese Arbeit so besonders macht. So ein gutes Gefühl! Und die leise Hoffnung: Vielleicht kann ich ja dazu beitragen, dass sich wenigstens ein winziges bisschen ändert.
Kurz darauf stand dann eine weitere Aufregung bevor: Der Fototermin. Und das mir! Ich hasse es, fotografiert zu werden. Und nein, das ist keine Koketterie. ICH. HASSE. ES. Nicht ohne Grund bin ich bei Feiern etc. immer die hinter der Kamera. Maria Feck gab wirklich ihr Allerbestes, um mich zu beruhigen. Sie ist eine großartige Fotografin und unwahrscheinlich lieb. Sie machte an dem Vormittag gefühlt 300 Fotos aus allen möglichen Winkeln von mir, was in meinem nicht sonderlich großen Therapieraum alles andere als einfach war, und netterweise erinnerte sie mich immer mal wieder ans Atmen.
Nun begann das Warten auf den Artikel. Das lange Warten. Interview und Fototermin waren im Dezember, doch immer wieder drängten wichtige weltpolitische Themen in den Vordergrund, so dass der Erscheinungstermin sich immer weiter nach hinten verschob. Am 24. April war es dann endlich so weit.

Ich habe in dem langen Artikel, in dem mehrere Fachleute und Betroffene zum Thema Rechtschreibung befragt wurden, ein eigenes Kapitel. Das so zu sehen, hat mich echt gefreut. Im SPIEGEL als Expertin genannt zu werden, hat schon was. Ist einfach so. Gleichzeitig merkte ich aber auch, dass ich innerlich auf etwas anderes gehofft hatte. Ich hätte mir gewünscht, dass einige der Themen, über die wir so intensiv gesprochen hatten – was eine LRS mit Kindern macht, warum unser Schulsystem betroffenen Kindern das Leben oft unnötig schwer macht und vor allem, was sich in unseren Schulen ändern müsste – etwas mehr Raum bekommen hätten. Natürlich ist mir bewusst, dass in einem Artikel mit vielen Gesprächspartnern nicht alles Platz finden kann. Ein kleines bisschen schade fand ich es trotzdem.
Allein? Nicht wirklich.
Ja, ich arbeite allein, bin meine eigene Chefin und ich genieße das unbeschreiblich! Niemand, der mir sagt, was ich wie wann zu tun habe. Niemand, der mir vorgibt, mit wem ich arbeite. Keine Kollegen, die mir meinen Joghurt aus dem Kühlschrank klauen.
Doch nun kommt das Aber: Niemand, den ich kurz fragen kann, wenn ich mir nicht ganz sicher bin, welche Methode zu diesem einen Kind passen könnte. Niemand, der mich daran erinnert, dass man nicht jede Entscheidung drei Tage lang zerdenken muss. Niemand, bei dem ich mir nach einem frustrierenden Gespräch einfach mal Luft machen kann.
Und deshalb liebe ich sie so, meine Netzwerke – online wie vor Ort. Da ist vor allem der Kompetenzzirkel Lernen von Dina Beneken: Dort treffen sich Lerntherapeutinnen, Lerncoaches, Förderlehrkräfte, Lerntrainer und Lerntrainerinnen, Menschen also, die alle dasselbe Ziel haben: Kinder beim Lernen zu begleiten und sie bestmöglich zu unterstützen. Mal diskutiere ich dort einen schwierigen Fall, mal stöbere ich im Lernpfad nach neuen Materialien, mal besuche ich eine Fallbesprechung oder Supervision. Und manchmal brauche ich nichts weiter als einen Ort, an dem ich kurz sagen kann: "Heute war's einfach doof." Für all das ist dort Platz.
Einmal im Monat darf ich außerdem den Lerncoach-Austausch leiten – und ich liebe diese Treffen! Wir tauschen Erfahrungen aus, helfen uns weiter, wenn es einmal hakt und haben einfach großartige Gespräche.

Nein, das ist keine Werbung (auch wenn sie gern so verstanden werden darf), es ist Begeisterung aus Überzeugung. Ich bin wirklich froh darüber, mich mit diesen wunderbaren Kolleginnen und Kollegen austauschen zu dürfen. Und auch wenn das alles online stattfindet, so fühlt es sich trotzdem nach ganz viel Nähe an. Danke, dass es euch gibt!
Und dann sind da noch die Kolleginnen und der Kollege vor Ort. Irgendwann bemerkte ich, dass es eine neue Lerntherapeutin in Lübeck gab, und ich dachte mir, ich rufe sie an und heiße sie willkommen. Ich habe nie verstanden, warum man gegeneinander arbeiten sollte, ich finde es so viel klüger und nutzbringender, sich zu vernetzen. Aus diesem Kontakt ist eine kollegiale Freundschaft entstanden, und in diesem Jahr haben wir unser lokales Netzwerk noch ausgeweitet um eine weitere Lübecker Kollegin und einen Kollegen.

Wir treffen uns vierteljährlich, setzen uns einen zeitlichen Rahmen von ca. 1 ½ Stunden, den wir dann um ca. 1 ½ Stunden überziehen, und wenn wir uns verabschieden, haben wir über Fachliches gesprochen, über die Tücken der Selbstständigkeit und vor allem haben wir ganz viel gelacht. Wir empfehlen uns gegenseitig weiter, wenn wir keine freien Kapazitäten haben, haben unsere Honorare abgestimmt, und mir fällt absolut auch nicht ein einziger Nachteil zu diesem wunderbaren Netzwerk ein.
Du lieber Himmel, kann ich das?
Auch, wenn es abgedroschen klingt: Ich bin Lerncoach aus Leidenschaft. Ich liebe es, meinen Schülern zu zeigen, was alles schon in ihnen steckt und mit welchen Methoden sie ihre Ziele noch besser erreichen können. Und ich frage mich schon lange, warum Lerncoaching nicht ein fester Bestandteil in unseren Schulen ist. Nicht einmal in fünf Jahren ein "Lernen darf leicht sein" (würgs…)-Tag, sondern von Anfang an konsequent. Wie organisiere ich mich? Welche Lernstrategien helfen nachhaltig? Wie kann ich mich besser konzentrieren oder motivieren?
Und so wuchs in mir die Idee einer Fortbildung für Lehrkräfte genau zu dem Thema. Doch wie es nun mal so ist – der Alltag ließ wenig Zeit und so blieb die Idee erst einmal nur eine Idee. Bis zu dem Tag, an dem das Universum (oder wer auch immer) beschloss, mich mal ordentlich anzuschubsen: Das Bugenhagen Berufsbildungswerk in Timmendorfer Strand fragte an, ob ich vielleicht eine ganztägige Fortbildung zum Thema Lerncoaching für die Lehrkräfte halten wolle. Ich sagte sofort zu. Und zweifelte fünf Minuten später komplett an meinem Verstand. Ganztägig! Das bedeutet acht Stunden! Acht! Schaffe ich es, die zu füllen? Und zwar so, dass die Lehrkräfte nicht nach vier Stunden gähnend auf ihren Stühlen zusammensacken?
Doch bei all den Selbstzweifeln: Ich hatte unglaublich Lust darauf! Ich liebe es, Fortbildungen zu halten, ich hatte noch nie Probleme damit, vor anderen Menschen zu sprechen, im Gegenteil, es macht mir wahnsinnigen Spaß. Und dann noch zu meinem Herzensthema! Also begann ich mit den Vorbereitungen. Um es kurz zu machen: Es wurden unfassbar anstrengende drei Monate. Die Arbeit an der Fortbildung musste ja neben meinem eigentlichen Job stattfinden, da blieben oft nur die frühen Morgenstunden und die Wochenenden.
Heraus kamen knapp 80 PowerPoint-Folien, ein Handout von über 40 Seiten, ein Downloadbereich für die von mir extra erstellten Materialien, ein umfangreiches Skript und die fürchterliche Angst, viel zu schnell durch zu sein. Oder viel zu viel auf dem Zettel zu haben. Oder die Rückmeldung zu bekommen, dass das doch alles schon bekannt ist. Oder viel zu uninteressant. Oder, oder, oder. Ächz.

Am Morgen der Fortbildung war ich unfassbar aufgeregt. Als ich im Berufsbildungswerk ankam, war ich aber sofort sehr positiv überrascht von dem Raum, in dem die Fortbildung stattfinden würde, er war hell und freundlich, es gab eine elektronische Tafel (jetzt will ich auch eine!) und es standen Snacks und Getränke bereit. Dann ging es los - und was soll ich sagen? ES WAR SO TOLL!
Es war zwar furchtbar heiß an dem Tag, trotzdem waren die Teilnehmenden voll bei der Sache, ließen sich auf die Selbsterfahrungen ein, diskutierten, brachten sich ein. Auch zeitlich klappte alles perfekt. Zum Schluss erhielt ich ein so positives Feedback, dass ich das Lächeln anschließend tagelang nicht aus dem Gesicht bekam.

Ich war nicht nur unheimlich erleichtert, sondern vor allem bestärkt. Es gab so viele kleine und größere Aha-Momente, und aus den Gesprächen entstanden ganz konkrete Ideen für den Schulalltag. Das hat mir noch einmal gezeigt, welches Potenzial im Lerncoaching für Schulen steckt. Und genau deshalb möchte ich in Zukunft noch viele Fortbildungen wie diese halten.
Das kickt!
Als der Kickstart zu Ende ging, wurde mir erst bewusst, wie sehr mir diese Gruppe ans Herz gewachsen war. Ins Leben gerufen wurde der "Kickstart Lerntraining" von meiner Kollegin Dina Beneken, und ich freue mich sehr, ein Teil davon sein zu dürfen. In diesem mehrmonatigen, ZFU-zertifizierten Programm begleiten wir frisch ausgebildete Lerntherapeuten, Lerncoaches und Lerntrainer mit strukturierten Modulen rund um den Praxisalltag, organisatorischen Themen und fachlichem Input auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit.

Was mich am Kickstart so sehr beeindruckt hat, war die Entwicklung der Teilnehmerinnen. Es war so schön zu erleben, wie aus anfänglicher Unsicherheit Selbstvertrauen wurde. Nach und nach wurde der ganze Orga-Kram erledigt, Preise kalkuliert, Webseiten entstanden, Social-Media-Auftritte wurden aufgebaut, Pläne wurden wieder verworfen und neu gedacht. Und im letzten Treffen saßen dort Frauen, die sich plötzlich viel mehr zutrauten als noch zu Beginn. Fachlich hatte Dina und mich diese Gruppe von Anfang an beeindruckt. Am Ende kam noch etwas dazu: das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Mindestens genauso schön war aber zu sehen, wie sehr sich die Teilnehmerinnen gegenseitig unterstützt haben. Gerade am Anfang einer Selbstständigkeit ist ein gutes Netzwerk so unglaublich wertvoll. Ich bin mir sicher, dass viele von ihnen auch in Zukunft miteinander in Kontakt bleiben werden. Und ich freue mich jetzt schon total darauf, im Herbst gemeinsam mit Dina in den nächsten Kickstart zu starten.
Ausblick
Während ich hier sitze, es langsam dunkel wird, der Regen an die Scheiben prasselt und ich diesen Rückblick zu Ende schreibe, merke ich, dass ich mich auf das nächste Schuljahr freue. Nicht, dass ich meinen Urlaub jetzt nicht erst einmal genießen werde, aber besonders das letzte Schuljahr hat mir gezeigt, dass viele gute Dinge ganz unverhofft passieren.

Einiges steht ja bereits fest: Im Herbst startet eine neue Runde Kickstart, auf den Lerncoach-Austausch freue ich mich jetzt schon wieder, und natürlich werden auch neue Schüler den Weg zu mir finden.
Und dann gibt es noch die Dinge, die ich mir wünsche. Ich möchte meine Fortbildungen für Lehrkräfte weiter ausbauen. Mir macht diese Arbeit großen Spaß und so bin ich gerade dabei, meine Themenpalette zu erweitern. Vielleicht kann ich ja spätestens im nächsten Rückblick schon mehr darüber erzählen.
Außerdem hoffe ich sehr, dass ich passende (und bezahlbare) Praxisräume finde. Ich arbeite inzwischen seit einigen Jahren von zu Hause aus. Das war damals die richtige Entscheidung, weil ich die massiv gestiegenen Nebenkosten nicht auf meine Honorare umlegen wollte, denn davon hätten weder die Eltern noch ich etwas gehabt. Mittlerweile merke ich aber immer deutlicher, dass beides – Zuhause und Praxis – langfristig einfach besser getrennt sein sollten.
Vor allem aber wünsche ich mir, dass ich das, was ich in diesem Schuljahr mühsam gelernt habe, nicht gleich wieder vergesse: besser auf mich aufzupassen. Manchmal brauche ich offenbar erst eine ziemlich deutliche Erinnerung, bevor ich etwas wirklich ernst nehme. Ich wünsche mir, es diesmal auch ohne den erhobenen Zeigefinger zu schaffen.
Jetzt werde ich den Laptop zuklappen, mich ins Bett kuscheln und in ein gutes Buch vertiefen. Falls du tatsächlich bis hier durchgehalten hast: Danke für deine Begleitung! Ich wünsche uns ein tolles neues Schuljahr, viele schöne Überraschungen und ausreichend Momente zum Ausruhen und Auftanken!
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Liebe Nicole, vielen Dank für diesen wunderbar ehrlichen Eindruck in deine tolle Arbeit. Bei der Fortbildung geht es uns grad ähnlich, ich bin auch für eine eintägige Lehrerfortbildung angefragt worden. Da hast du mir jetzt sehr viel Mut gemacht. Ich hoffe sehr für deine Schüler (und für uns alle), dass du das ver-rückte System noch lange erträgst, und vielleicht auch ein bisschen ändern kannst. Liebe Grüße, Diana
Liebe Nicole,
das war für Dich wirklich ein erlebnisreiches Jahr, und Du hast einen beeindruckenden Rückblick geschrieben. Ich wünsche Dir weiter viel Erfolg. Was Du über engagierte Lehrkräfte schreibst, die irgendwann ausgebrannt sind, kann ich leider nur bestätigen. Die Politik hat noch nicht begriffen, worum es geht. Am Freitag war ich bei einer Veranstaltung, bei der ein Lokalpolitiker sagte, dass wir auf keinen Fall bei der Bildung sparen dürfen. Ich habe ihn dann darauf angesprochen, dass genau das einer der großen Fehler in den Haushaltsbudgets ist. Politiker denken meist zu kurzfristig. Aber mehr Geld würde nicht alle Probleme lösen. Auch wenn es einem Kampf gegen Windmühlenflügel gleicht, wir müssten das System verändern. Mit unserer Arbeit helfen wir vielen Kindern, fangen…