Warum Rechtschreibung mehr braucht als Regeln
- Nicole Fischer

- vor 7 Tagen
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 6 Tagen
Vor einiger Zeit schrieb eine meiner Schülerinnen das Wort halten so: hallten. Sie hatte in der Schule gelernt, dass nach einem kurzen Vokal der folgende Mitlaut verdoppelt wird. Das „a" in halten klingt kurz, also verdoppelte sie konsequent. Die Regel hatte sie verinnerlicht und angewendet, genau so, wie es von ihr erwartet wurde.
Solche Situationen begegnen mir in meiner Arbeit immer wieder, und sie werfen eine Frage auf, die mich schon länger beschäftigt: Wie wird Rechtschreibung heute eigentlich vermittelt, und was läuft dabei schief?
Im Rahmen eines Spiegel-Artikels über die Rechtschreibschwierigkeiten von Kindern hatte ich Gelegenheit, meine Sicht auf das Thema darzulegen. Vieles musste dort allerdings zwangsläufig knapp bleiben. Dass das Thema sehr viele Menschen bewegt, hat mir anschließend ein Instagram-Beitrag, den ich zu genau diesem Thema veröffentlichte, noch einmal deutlich gezeigt. Deshalb möchte ich hier nun etwas ausführlicher auf das eingehen, was mir dazu wichtig erscheint.
Wissen ist nicht dasselbe wie Können
Was mich immer wieder beschäftigt: Wir behandeln Rechtschreibung im Unterricht häufig so, als würde Wissen automatisch zu Können werden. Aber genau so funktioniert Lernen nicht.
Nur weil ein Kind eine Regel verstanden hat, kann es sie noch lange nicht sicher anwenden. Das erleben wir Erwachsenen doch ständig auch bei uns selbst. Wenn wir etwas Neues lernen, reicht es ja ebenfalls nicht aus, einmal davon gehört zu haben. Niemand fährt nach einer einzigen Fahrstunde sicher Auto. Niemand spielt nach einer Klavierstunde flüssig ein Musikstück. Und niemand spricht eine Fremdsprache fehlerfrei, nur weil er die Grammatik theoretisch verstanden hat. Warum erwarten wir das dann ausgerechnet beim Thema Rechtschreibung von unseren Kindern?
Damit etwas automatisiert wird, braucht unser Gehirn ständige Wiederholungen. Kinder müssen Regeln immer wieder bewusst anwenden, Fehler machen dürfen, vergleichen, korrigieren, erneut überlegen und sich langsam Sicherheit aufbauen. Erst dann irgendwann kann daraus ein inneres Gefühl dafür entstehen, was „richtig aussieht". Genau dieser Prozess braucht Zeit, viel mehr Zeit, als ihm im schulischen Alltag oft eingeräumt wird.
In meiner Arbeit erlebe ich häufig Kinder, die kaum begonnen haben, sich einem Rechtschreibbereich inhaltlich zu nähern, bevor im Unterricht schon das nächste Thema auftaucht. In der einen Woche wird die Doppelung behandelt, in der nächsten das Dehnungs-h, bevor es dann sofort weitergeht zur Schreibung des s-Lautes, und das auch oft nur anhand von Arbeitsblättern, die einfach schematisch ausgefüllt werden. Für echte Vertiefung bleibt da kein Raum. Dabei wäre gerade diese Vertiefung so wichtig, denn Rechtschreibung besteht nicht aus isolierten Einzelregeln, die man nacheinander abarbeitet, sondern aus einem komplexen Zusammenspiel verschiedener sprachlicher Strukturen. Kinder brauchen die Möglichkeit, sich darin langsam zurechtzufinden, Muster zu erkennen und Sicherheit zu entwickeln.

Rechtschreibung entsteht nicht ausschließlich über Regeln
Natürlich brauchen Kinder Regeln. Gerade heute halte ich sie sogar für wichtiger denn je. Aber Sprache funktioniert nicht nur über bewusste Analyse und theoretisches Wissen. Ein großer Teil unseres Sprachgefühls entsteht intuitiv, und das ist für uns beim Sprechen ganz selbstverständlich.
Wenn ein kleines Kind sagt: „Mama, ich bin lauft", würde sich vermutlich keine Mutter daneben setzen und erklären: "Weißt du, mein Schatz, das Partizip Perfekt wird häufig mit der Vorsilbe ge- gebildet und bei starken Verben verändert sich zusätzlich oft der Wortstamm." Die Mutter sagt einfach: „Ah, du bist gelaufen." Und genau dadurch lernt das Kind Sprache: durch das immer wieder Hören korrekter Sprachmuster, durch Begegnung mit Sprache, zum Beispiel beim Vorlesen, durch Wiederholung, durch Vorbilder, durch ein Gehirn, das aus all diesen Erfahrungen nach und nach eigene Muster ableitet.
Beim Schreiben passiert etwas sehr Ähnliches. Kinder entwickeln auch orthographische Muster dadurch, dass sie Wörter immer wieder korrekt sehen. Sie speichern Wortbilder ab, erkennen Regelmäßigkeiten und entwickeln allmählich ein Gefühl dafür, welche Schreibweisen vertraut aussehen und welche nicht. Dieser Prozess läuft zu einem großen Teil unbewusst ab.
Als ich in die Grundschule ging, und das ist inzwischen tatsächlich fast fünfzig Jahre her, wurde erstaunlich wenig explizite Rechtschreibtheorie vermittelt. Zumindest erinnere ich mich kaum daran. Was wir allerdings ständig gemacht haben: lesen, abschreiben, Texte anschauen, Wörter sehen. Natürlich fand damals vermutlich kaum ein Kind Abschreibübungen besonders spannend. Aber rückblickend glaube ich, dass darin etwas sehr Wertvolles lag. Wir waren permanent von korrekt geschriebener Sprache umgeben. Unser Gehirn bekam gewissermaßen ständig Wortduschen: Wörter, Satzmuster und Schreibweisen begegneten uns immer wieder und konnten sich dadurch allmählich einprägen.
Heute erleben viele Kinder Schrift ganz anders. Sie lesen häufig weniger zusammenhängende Texte, begegnen Schrift oft nur noch fragmentiert und verbringen insgesamt deutlich weniger Zeit mit längeren schriftsprachlichen Erfahrungen. Gleichzeitig versuchen wir, diese fehlende intuitive Sicherheit immer stärker über Regeln aufzufangen. Das Problem ist: Wenn man diesen Weg schon gehen muss, dann braucht er Zeit, Wiederholung und eine wirklich fundierte Vermittlung.
Warum Abschreiben kein Auslaufmodell ist
Ich glaube, dass wir uns als Gesellschaft manchmal schwer damit tun, Kindern zuzumuten, dass Lernen auch Wiederholung und Übung bedeutet. Natürlich sollen Unterricht und Förderung Spaß machen, motivierend, verständlich und kindgerecht gestaltet sein. Aber nicht alles, was wichtig ist, fühlt sich automatisch spannend an.
Abschreiben hat heute einen schlechten Ruf. Für viele klingt das sofort nach langweiligem Frontalunterricht, nach Drill oder nach einer Methode, die man doch heute nicht mehr anwendet. Dabei wird häufig unterschätzt, was dabei eigentlich passiert. Beim Abschreiben schreibt ein Kind nicht einfach mechanisch Wörter ab. Es sieht Wörter, immer wieder. Es begegnet Satzstrukturen, Buchstabenfolgen, typischen Mustern und sprachlichen Regelmäßigkeiten. Das Gehirn bekommt dabei permanent korrekt geschriebene Sprache angeboten und beginnt, daraus allmählich innere Wortbilder aufzubauen und Strukturen abzuleiten.
Und ja, viele Kinder finden das nicht besonders aufregend. Aber ich glaube auch nicht, dass jede sinnvolle Übung permanent hochattraktiv sein muss. Wenn ein Kind von Anfang an lernt, dass es zu Beginn einer Unterrichtsstunde zehn Minuten lang Wörter, Sätze oder kleine Texte abschreibt, dann wird das irgendwann ein selbstverständlicher Teil des Lernens.
Ein eigenes Fach Rechtschreibung
An dieser Stelle komme ich zu einem Gedanken, der vielleicht etwas radikal klingt, den ich aber tatsächlich ernst meine: Ich glaube, dass Rechtschreibung im schulischen Alltag ein eigenes Fach bräuchte. Nicht im Sinne von noch mehr Stoff, sondern als echte Vertiefung.
Im Fach Deutsch steckt heute unglaublich viel: Literatur, Grammatik, Aufsatzschreiben, Sprachbetrachtung, Textverständnis, Gedichte, Präsentationen, Medienarbeit, Analyse, kreatives Schreiben und vieles mehr. Das alles ist großartig, denn in den verschiedenen Kontexten mit Sprache zu arbeiten ist unheimlich wichtig und kann sehr bereichernd sein.
Aber Rechtschreibung läuft dabei oft eher nebenher, mit teilweise schlimmen Auswirkungen auf die Schüler. Wer sich beim Schreiben permanent unsicher fühlt, schreibt häufig weniger, vermeidet Texte, verliert Selbstvertrauen und entwickelt irgendwann das Gefühl, es einfach nicht zu können. Dabei liegt das Problem nicht in mangelnder Intelligenz oder mangelnder Motivation, sondern darin, dass Kinder viel mehr Zeit und viel mehr strukturierte Übung bräuchten. Ich sehe in der Praxis immer wieder, dass so manche LRS hausgemacht ist.
Ein eigenes Fach Rechtschreibung könnte genau diesen Raum schaffen: Raum für Wiederholung, für Vertiefung, für langsames Verstehen, für das bewusste Anwenden von Regeln, aber eben auch für Schriftkontakt, Wortbilder und Automatisierung.
Was Lehrkräfte brauchen
Dazu gehört aus meiner Sicht noch etwas anderes: Lehrkräfte müssten viel intensiver darin ausgebildet werden, wie Schriftspracherwerb eigentlich funktioniert. Denn manchmal begegnen mir Aussagen oder Merksätze, bei denen ich wirklich erschrecke.
Eine Kollegin erzählte mir gerade von einem Kind, das plötzlich begann, Wörter wie mies mit ß zu schreiben, also mieß. Dieses Kind hatte vorher nie Auffälligkeiten in diesem Bereich gezeigt. Der Auslöser war die Aussage einer Lehrkraft: „Wenn du einen zischenden Laut hörst, schreibst du ein ß."
Genau solche verkürzten Regeln richten aus meiner Sicht oft mehr Schaden an als Nutzen. Denn Kinder versuchen, diese Aussagen ernsthaft anzuwenden. Sie bauen daraus innere Systeme. Und wenn diese Systeme sprachlich nicht tragfähig sind, entstehen zwangsläufig neue Fehler und neue Unsicherheiten.
Mir ist dabei wichtig zu sagen, dass ich mit unglaublich vielen engagierten Lehrerinnen und Lehrern zusammenarbeite, die sich sehr viele Gedanken machen und Kinder wirklich ernst nehmen. Die Probleme, über die ich hier schreibe, entstehen aus meiner Sicht nicht durch mangelndes Engagement einzelner Lehrkräfte, sondern durch ein System, in dem sehr komplexe Lernprozesse in relativ kurzer Zeit vermittelt werden müssen.
Was ich mir wünsche
Genau darin liegt für mich ein zentraler Punkt: Rechtschreibung ist kein Lernbereich, der sich beliebig beschleunigen lässt. Kinder entwickeln orthographische Sicherheit nicht dadurch, dass möglichst viele Regeln einmal besprochen wurden, sondern dadurch, dass sie über lange Zeit immer wieder mit Sprache und Schrift arbeiten, Regeln anwenden, Wörter sehen, Fehler machen, korrigieren und allmählich Sicherheit entwickeln.
Wir müssen deshalb aufhören zu erwarten, dass Rechtschreibung nach ein paar Unterrichtseinheiten wirklich sitzt. Sprachgefühl, orthographische Muster und sichere Wortbilder entstehen nicht innerhalb weniger Wochen, sondern über Jahre. Das ist keine schlechte Nachricht, sondern schlicht die Realität dessen, wie unser Gehirn lernt.
Und je früher wir das als Grundlage unserer Erwartungen akzeptieren, desto besser können wir die Bedingungen schaffen, unter denen Kinder wirklich Rechtschreibsicherheit entwickeln können.
Mein Kollege Siegbert Rudolph hat den Spiegel-Artikel ebenfalls zum Anlass genommen, seine Gedanken zur Vermittlung von Rechtschreibung aufzuschreiben. Wer eine weitere Perspektive auf das Thema lesen möchte, findet seinen Beitrag hier: Der Spiegel: „Kw/Quälerei" ohne Ende?
Ich freue mich über eure Gedanken, Erfahrungen und Rückmeldungen in den Kommentaren.
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Liebe Nicole,
vielen Dank für diesen Blog! Vielleicht hochen die Verantwortlichen in den Kultusministerien ja doch mal auf.
Rechtschreiben als eigenes Fach würde auch wieder die Schreibschrift als Erstschrift bringen, denn Schreibübungen, die helfen, die Rechtschreibung auch intuitiv zu erfahren, wären in der Druckschrift nur suboptimal.
Herzliche Grüße - Siegbert
Dem Ganzen kann ich nur vollkommen zustimmen 👍
Ich finde diesen Gedanken eines eigenen Schulfachs für Rechtschreibung einfach großartig. Genau das wäre so ein wichtiger Schritt.
Denn Rechtschreibung ist so viel mehr als „Regeln lernen“. Viele Kinder würden enorm davon profitieren, wenn sie Sprache wieder viel intensiver erleben dürften – durch häufiges Schreiben, Lesen, Abschreiben auf ihrem eigenen Leistungsniveau und die ständige Beschäftigung mit Schriftsprache.
Früher war dieses wiederholte Arbeiten mit Sprache viel selbstverständlicher. Und genau dadurch konnten sich viele Kinder Strukturen der Schrift nach und nach selbst erarbeiten – oft ganz ohne permanente Regelerklärungen.
Das Schöne an solchen Herangehensweisen ist ja auch: Kinder könnten viel stärker in ihrem eigenen Tempo lernen. Jedes Kind könnte dort starten, wo es gerade…
Du hast alles wundervoll auf den Punkt gebracht, - insbesondere auch was die Lehrkräfte angeht. Die deutsche Sprache ist nun einmal komplex. Rückblickend betrachtet, ist für mich die Herangehendweise in der ehemaligen DDR durchaus am sinnvollsten, denn hier wurde "Deutsch" in drei Fächern gesplittet: Rechtschreibung, Grammatik und Literatur. Für mich wurde so vieles einfacher und verständlicher. Genauso so habe ich es auch mit meinen Kids in den Nachhilfestunden praktiziert (oder konkreter formuliert: praktizieren dürfen!) und es hat einfach einen gewissen Druck rausgenommen.