Pubertät und Lernen: Zwischen Loslassen und „Kind, du musst noch lernen!“
„Ich verstehe das nicht. Das hat doch früher auch geklappt.“
Diesen Satz höre ich von Eltern ziemlich häufig. Das Kind, das früher seine Hausaufgaben einigermaßen zuverlässig erledigt hat, sitzt plötzlich stundenlang herum und fängt trotzdem nicht an. Die Englischvokabeln werden auf morgen verschoben, obwohl morgen der Test geschrieben wird. Arbeitsblätter verschwinden, Termine werden vergessen und auf die Frage, ob für die Schule noch etwas zu tun ist, kommt ein überzeugtes „Nein“.
Bis ungefähr 21.30 Uhr. Dann fällt plötzlich ein, dass morgen ein Referat gehalten werden soll.
Willkommen beim Lernen in der Pubertät!
Im ersten Teil dieser Reihe haben wir uns schon ziemlich ausführlich damit beschäftigt, was in dieser Zeit eigentlich im Gehirn unserer Jugendlichen passiert. Falls du ihn noch nicht gelesen hast, schau gern rein: https://www.lernovia.de/post/pubert%C3%A4t-so-viel-mehr-als-hormone-und-schlechte-laune
Für heute reicht uns nämlich die Kurzfassung: Da oben wird gerade kräftig umgebaut.
Und ausgerechnet während der präfrontale Kortex, der unter anderem für Planung, vorausschauendes Denken und Impulskontrolle zuständig ist, noch mitten in seiner Entwicklung steckt, erwartet Schule immer mehr davon. Der Stundenplan wird komplizierter, die Stoffmengen werden größer, Klassenarbeiten wollen rechtzeitig vorbereitet werden und leider gibt es auch die nette Grundschullehrerin nicht mehr, die lieb daran erinnert, dass morgen bitte das rote Heft mitgebracht werden soll.
Jetzt heißt es: Du bist doch groß, das kannst du alleine.
Kann dein Kind vielleicht auch, aber eben noch nicht immer.
Und genau da wird es für Eltern manchmal schwierig. Denn natürlich sollst du deinem 14-jährigen Kind nicht jeden Abend den Schulranzen packen und kontrollieren, ob der Füller genügend Tinte hat. Selbstständigkeit entsteht allerdings auch nicht automatisch dadurch, dass wir uns irgendwann komplett zurückziehen und hoffen, dass der Rest schon irgendwie von allein kommt.
Die Frage ist also: Wie viel Unterstützung braucht mein Kind noch und an welcher Stelle?

Frag doch einfach mal nach
Das klingt fast zu banal, wird aber erstaunlich leicht vergessen: Dein Kind ist inzwischen alt genug, um bei dieser Frage mitzureden.
Und vielleicht ist genau das ein guter Anfang, besonders wenn Schule und Lernen bei euch zu Hause inzwischen zu Themen geworden sind, bei denen alle Beteiligten sofort schlechte Laune bekommen.
Du könntest zum Beispiel sagen: „Ich sehe, dass das Lernen gerade nicht so richtig gut klappt, und ich merke auch, dass du total genervt bist, wenn ich dich ständig darauf anspreche. Ehrlich gesagt finde ich es selbst auch doof, dich immer wieder erinnern zu müssen. Sag mir doch mal, wie ich dir helfen kann. Was brauchst du von mir?“
Es kann natürlich sein, dass die erste Antwort „Keine Ahnung“ lautet.
Dann kannst du Vorschläge machen.
Vielleicht wäre es hilfreich, wenn ihr einmal in der Woche gemeinsam auf die nächsten Tage schaut. Ihr könntet einen Kalender anlegen und nicht nur eintragen, wann die nächste Klassenarbeit geschrieben wird, sondern auch überlegen, wann dafür Zeit zum Lernen sein könnte. Vielleicht wäre ein Wochenplan hilfreich oder ihr probiert einmal ein Kanban-Board aus. Vielleicht möchte dein Kind auch gar nicht, dass du mitplanst, sondern wünscht sich nur eine Erinnerung und möchte den Rest selbst in die Hand nehmen.
Was davon funktioniert, kann niemand von außen pauschal entscheiden. Wichtig ist vor allem, solche Dinge in einer entspannten Situation zu besprechen und nicht erst am Abend vor der Klassenarbeit, wenn noch 37 Seiten Biologie ungelernt sind und die Nerven auf beiden Seiten ohnehin schon blank liegen.
Dabei sollst du deinem Kind die Organisation natürlich nicht abnehmen. Im Gegenteil. Du leihst ihm für eine Weile ein bisschen von deiner Struktur und ziehst dich Stück für Stück wieder zurück, wenn es allein klappt.
Denn Selbstständigkeit bedeutet nicht, alles sofort allein können zu müssen, Selbstständigkeit muss man lernen.
Wenn das Problem gar nicht die Motivation ist
„Wenn mein Kind doch einfach mal anfangen würde!“
Auch so ein Satz, den wahrscheinlich ziemlich viele Eltern unterschreiben würden.
Die Klassenarbeit steht seit zwei Wochen fest, der Lernstoff ist bekannt und trotzdem passiert nichts. Zumindest nichts, was auch nur entfernt mit der Schule zu tun hat. Das Handy ist plötzlich besonders interessant, auf dem Schreibtisch muss noch dringend irgendetwas sortiert werden und notfalls kann man auch einfach eine halbe Stunde auf das aufgeschlagene Mathebuch schauen, ohne sich unnötig mit seinem Inhalt zu beschäftigen.
Und natürlich kann es sein, dass dein Kind schlicht keine Lust hat. Wer hat schon jeden Nachmittag Lust auf Vokabeln?
Aber bevor wir das Etikett „unmotiviert“ aufkleben, lohnt sich ein zweiter Blick. Denn manchmal steckt hinter dem Nichtanfangen etwas ganz anderes, zum Beispiel ein riesiger Berg Lernstoff, bei dem überhaupt nicht klar ist, wo der Anfang sein soll, oder ein Fach, in dem sich inzwischen so viele Misserfolge angesammelt haben, dass allein das Aufschlagen des Buches das Gefühl auslöst: Das kann ich sowieso nicht.
Dazu kommt etwas, das wir uns im ersten Teil schon genauer angeschaut haben: Das Belohnungssystem spielt in der Pubertät eine ziemlich große Rolle. Jugendliche reagieren besonders stark auf Belohnungen, die unmittelbar verfügbar sind, während eine Belohnung, die irgendwo in der Zukunft liegt, deutlich weniger Zugkraft entwickeln kann. Genau deshalb hat eine gute Note, die vielleicht irgendwann nächste Woche auf einer Klassenarbeit steht, gegen etwas, das jetzt Spaß macht, nicht unbedingt die besten Karten.
„Wenn du heute schon anfängst, hast du am Donnerstag weniger Stress“ ist aus Erwachsenensicht ein sehr überzeugendes Argument. Für ein jugendliches Gehirn ist es das allerdings eher nicht.
Hier hilft deshalb nicht noch mehr Druck, sondern ein kleinerer Anfang. Nicht der komplette Geschichtsstoff muss heute bewältigt werden. Vielleicht besteht der erste Schritt nur darin, sich überhaupt einen Überblick zu verschaffen und herauszufinden, was für die Arbeit gelernt werden muss. Aus einem riesigen, ziemlich ungemütlichen „Ich muss Geschichte lernen“ werden dann einzelne Aufgaben, die plötzlich gar nicht mehr so bedrohlich aussehen.
Und wenn du nicht weißt, wo es bei deinem Kind hakt, musst du auch das nicht erraten. Statt eines genervten „Warum fängst du denn nicht endlich an?“ kann die ernst gemeinte Frage „Was macht es dir gerade so schwer anzufangen?“ ein ganz anderes Gespräch eröffnen.
Zwei Stunden gelernt und trotzdem nichts gewusst
Und dann gibt es natürlich noch die andere Variante.
Dein Kind hat gelernt. Wirklich. Zwei Stunden Biologie, wichtige Stellen markiert, alles mehrfach gelesen und am Ende sah es auch einigermaßen vertraut aus.
Und trotzdem steht unter der Arbeit eine Vier.
Spätestens jetzt wird es interessant, denn die Frage ist nicht mehr, ob gelernt wurde, sondern wie.
Viele Jugendliche haben erstaunlich wenig Wissen darüber, wie Lernen eigentlich funktioniert. Sie lesen einen Text mehrfach, markieren wichtige Stellen oder schauen sich Vokabeln immer wieder an und irgendwann entsteht dieses wunderbare Gefühl: Ja, kenne ich.
Natürlich kennt das Gehirn den Text inzwischen. Es hat ihn schließlich gerade zum fünften Mal gesehen. Ob es den Inhalt morgen ohne Buch noch erklären könnte, steht allerdings auf einem völlig anderen Blatt.
Lernen wird wirksamer, wenn das Gehirn nicht nur konsumiert, sondern arbeiten muss. Es muss Informationen verarbeiten, verknüpfen und wieder hervorholen. Und welche Methode dafür sinnvoll ist, hängt natürlich auch davon ab, was überhaupt gelernt werden soll. Vokabeln stellen andere Anforderungen als Mathematik, ein Referat andere als eine Geschichtsklausur.
Die eine Methode, mit der jeder Mensch jeden Lernstoff mühelos in seinen Kopf bekommt, gibt es leider nicht (sonst hätte ich sie längst patentieren lassen und würde diesen Blogartikel vermutlich von meiner Privatinsel aus schreiben).
Es lohnt sich also, einmal genauer hinzuschauen, was dein Kind eigentlich tut, wenn es sagt, dass es lernt. Kann es nach dem Lernen das Buch zuklappen und erklären, worum es ging? Kann es sich selbst überprüfen? Kann es Zusammenhänge herstellen und das Gelernte anwenden oder fühlt sich der Stoff hauptsächlich vertraut an, solange er vor ihm liegt?
Vielleicht stellt ihr dabei fest, dass dein Kind enorm viel Zeit investiert, aber bisher einfach noch nicht die Strategien gefunden hat, die zu ihm und zum jeweiligen Lernstoff passen.
Vielleicht lag das Problem dann die ganze Zeit gar nicht beim Wollen, sondern beim Wie.
„Ist mir doch egal“
Es gibt einen Satz, der Eltern besonders zuverlässig auf die Palme bringen kann.
„Ist mir doch egal.“
Die Fünf in Mathe? Egal. Die vergessenen Hausaufgaben? Egal. Dass die Versetzung langsam wackelt? Angeblich ebenfalls egal.
Und vielleicht gibt es tatsächlich Jugendliche, denen eine einzelne schlechte Note ziemlich gleichgültig ist. Das ist auch kein Weltuntergang.
Aber kein Junge und kein Mädchen steht morgens auf und denkt: „Heute wird ein toller Tag für eine Sechs.“
Kein Kind möchte immer wieder erleben, dass es etwas nicht kann, während andere scheinbar mühelos damit zurechtkommen.
Wenn Lernen über längere Zeit vor allem mit Misserfolg verbunden ist, kann ein demonstratives „Ist mir egal“ sogar ziemlich praktisch werden. Denn es schützt.
„Ich habe sowieso nicht gelernt“ fühlt sich wesentlich besser an als „Ich habe mich angestrengt und trotzdem wieder eine Fünf geschrieben“.
Deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Hinter Aufschieben, Vermeidung oder scheinbarer Gleichgültigkeit kann etwas ganz anderes stecken als Faulheit.
Und da sind wir wieder bei der Frage vom Anfang: Was brauchst du?
Helfen heißt nicht retten
Bei allem Verständnis für das pubertierende Gehirn gibt es allerdings noch eine andere Seite.
Dein Kind muss auch lernen, Verantwortung zu übernehmen. Und dazu gehört manchmal die ziemlich unangenehme Erfahrung, dass das eigene Handeln Konsequenzen hat.
Wenn die Mathearbeit seit zwei Wochen angekündigt war, dein Kind trotz aller Absprachen nichts dafür getan hat und am Ende eine schlechte Note schreibt, dann ist das nicht schön. Wahrscheinlich würdest du deinem Kind diese Erfahrung sogar ziemlich gern ersparen.
Aber du kannst und solltest nicht jede Konsequenz verhindern.
Unterstützung bedeutet nicht, am Abend vorher hektisch zu versuchen, gemeinsam den gesamten Lernstoff in den Kopf deines Kindes zu bekommen. Sie bedeutet auch nicht, vergessene Aufgaben zu retten oder Verantwortung wieder an dich zu nehmen, sobald etwas schiefzugehen droht.
Manchmal ist eine schlechte Note schlicht die Folge davon, dass zu wenig oder zu spät gelernt wurde.
Und auch das ist Lernen.
Nicht die Art von Lernen, die im Lehrplan steht, aber eine ziemlich wichtige.
Denn nur wenn Jugendliche erleben dürfen, dass ihre Entscheidungen Folgen haben, können sie auch erleben, dass sie selbst etwas verändern können. Beim nächsten Mal früher anfangen, einen anderen Plan machen, Hilfe annehmen oder feststellen, dass die gewählte Lernstrategie doch nicht so grandios war wie gedacht.
Auch hier gilt wieder: Keine Vorwürfe, sondern Hilfe anbieten. Was kann vor der nächsten Arbeit konkret anders werden, welche Unterstützung wünscht sich dein Kind von dir?
Manchmal ist Unterstützung von außen einfach leichter
Manchmal sind die Fronten rund um Schule schon so verhärtet, dass selbst die freundlichste Frage nach Unterstützung nur noch ein Augenrollen, ein „Lass mich in Ruhe“ oder eine zugeschlagene Zimmertür hervorbringt.
Dann muss man nicht um jeden Preis versuchen, das allein zu lösen.
Eltern sind bei diesem Thema schließlich nicht neutral. Sie machen sich Sorgen, wollen ihr Kind vor Misserfolgen schützen und haben vermutlich schon die eine oder andere Auseinandersetzung über Schule hinter sich. Irgendwann schwingt dann bei einem eigentlich harmlosen „Hast du schon angefangen?“ die Geschichte der letzten zwanzig Diskussionen gleich mit.
Unterstützung von außen kann aber auch schon viel früher sinnvoll sein. Nicht erst dann, wenn beim Wort „Schule“ zu Hause die Türen knallen. Manchmal fehlt Jugendlichen schlicht das Handwerkszeug: Wie plane ich größere Lernmengen? Welche Lernstrategien gibt es überhaupt und welche davon passen zu mir? Wie schaffe ich es, tatsächlich anzufangen, statt zwei Stunden lang sehr beschäftigt auszusehen und trotzdem nichts zu tun?
Dann kann zum Beispiel ein Lerncoaching hilfreich sein. Manchmal fällt es Jugendlichen auch einfach leichter, mit einer außenstehenden Person über ihre Schwierigkeiten zu sprechen als mit den eigenen Eltern.
Am Ende geht es nicht darum, Jugendliche möglichst unbeschadet durch jede Klassenarbeit zu bringen. Es geht darum, ihnen nach und nach zuzutrauen, ihr Lernen selbst in die Hand zu nehmen, und ihnen dort noch Unterstützung zu geben, wo sie sie brauchen.
Wenn du dir bei diesem Thema Unterstützung für dein Kind wünschst, kannst du dich gern an mich wenden: https://www.lernovia.de/lerncoaching
Im dritten Teil dieser Reihe werden wir uns anschauen, was passiert, wenn zum pubertierenden Gehirn auch noch Smartphone, Social Media und die ständige Verfügbarkeit neuer Reize dazukommen. Welche Auswirkungen hat das auf Aufmerksamkeit und Lernen? Warum fällt es so schwer, das Handy einfach wegzulegen? Und unterschätzen wir vielleicht noch, was die permanente digitale Begleitung mit Jugendlichen macht? Außerdem schauen wir darauf, wie Eltern mit all dem umgehen können, ohne dass das Handy zum täglichen Streitthema wird.
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